Drogga übr de Negga

Ein persönlicher Ruderwanderfahrts-Bericht von Frieder: Vorgeschichte Lange habe ich gesucht, bis ich einen Sport gefunden habe, der mir nachhaltig Spaß macht und mich ebenso fordert. Seit Juni 2013 bin ich Mitglied im FRCF, im Frankfurter Ruder-Club Fechenheim 1887 e.V. Nun bin ich also Vereinsmitglied. Neben dem regelmäßigen Rudertraining gibt es Arbeitseinsätze, ein Sommerfest, eine Weihnachtsfeier, Ruderwettbewerbe (Regatten) oder gemeinsame Ausflüge, zu denen auch die Ruderwanderfahrt gehört. Im Dezember letzten Jahres erhalte ich dazu die Einladung. Ich sage zu. Aber wozu eigentlich?

18. Juni 2014 Drogga übr de Negga Morgens packe ich meinen Seesack mit dem Gepäck für die nächsten 4 Tage. Ursprünglich dachte ich, das Gepäck wird wie von Zauberhand von einem separaten Wagen nachgefahren. Weit gefehlt, wasserdicht verpackt wird es im Boot mit der eigenen Muskelkraft bewegt.

Heute geht's mit der Straßenbahn zur Endhaltestelle in Fechenheim, hier liegt das Bootshaus, das Zentrum des Vereinslebens, wo wir gemeinsam mit dem Bus in den Fronleichnamsverkehr (/-stau) starten. Die fahrt führt nach Marbach. Ein Biergarten stellt hier den Auftakt zur Ruderwanderfahrt dar. Es wird gegessen und getrunken, das WM Spiel auf Großleinwand tritt bei den vielen Erzählungen in den Hintergrund. Erst letztes Jahr war der Verein schon mal hier am Neckar, sollte aber am zweiten Tag in einer Regenflutwelle steckenbleiben und die bis Heidelberg geplante Reise abbrechen müssen. Nun also der zweite Versuch.

Nach dem Essen werden die Bote „aufgeriggert" (Anbau der Ausleger), unser Reiseleiter verteilt feierlich jedem die offiziellen Tour-T-Shirts und erklärt, er habe einen deutsch-schwäbisch Übersetzer im Internet aufgetan und angerufen, um den Rückenschriftzug dialektgetreu zu übersetzen: „Drogge übr de Negga". Dieses Jahr also wollen wir trocken ankommen

Wir sind 30 Personen, haben sechs Boote, in denen je einer steuert und vier Rudern. Wenn mich meine rudimentären Bootskenntnisse nicht täuschen, sind es sogenannte 4-er Gig-Boote. Heute Abend wird auch eingeteilt, wer mit wem die nächsten Tage rudert. Die „Rennleitung" wählt dabei für jedes Boot einen erfahrenen Bootsführer, also den Ranghöchsten, den Kapitän, der im Boot das Sagen hat und füllt die restlichen Plätzen mit einer Mischung aus erfahrenen und unerfahrenen Ruderern auf.

Ich bin ja relativ neu im Verein, noch nicht alle kennen meinen Namen und umgekehrt. Der Abend im Biergarten und später auf der Hotelterrasse ist eine gute Gelegenheit das zu ändern.

19. Juni 2014 „Auslage! Und los!" Um 7.30 Uhr klingelt der Wecker. Duschen, umpacken, frühstücken. Ein Seesack mit Rucksackriemen wäre vielleicht doch praktischer gewesen. Aber ich komme auch so mit Sack und Pack bei den Booten an. Es folgt ein immer ähnliches morgendliches Ritual. „An die Boote!". Gemeinsam werden die Boote zum Wasser getragen. Gut, dass ein Bootsführer eindeutige Ansagen macht, sonst ginge sowas schief. Das Gepäck wird verladen, die Positionen bestimmt. Los geht's.

Der Steuermann sitzt ganz hinten im Boot mit Blick in Fahrtrichtung. Frontal vor ihm der erste Ruderer auf Schlag, der Tempo und Rhythmus vorgibt, dahinter die restlichen Ruderer, alle mit dem Rücken in Fahrtrichtung. Heute werde ich zum ersten Mal ein Boot steuern. Ich sitze in der Viribus Unitis, die wie ein bockiger Esel immer nach rechts zieht, oder ist das meine fehlende Erfahrung beim Bootssteuern? Jede Steuerbewegung bringt das Boot leicht zum schwanken, irritiert die Ruderer, stört den Rhythmus und sollte vermieden werden.

Neben dem Steuern macht man an dieser Position auch die Ansagen, die das Boot in Fahrt und Richtung bringen. „Auslage!" Die Ruderer strecken die Arme, die Ruderblätter wandern nach hinten. „Und Los!". Die Blätter werden 90° gedreht, stehen nun senkrecht zum Wasser. Es zählt das schnelle Setzen der Blätter ins Wasser und das anschließende ziehen der Skulls (Ruder). Die Kraft kommt dabei eher aus Bauch und Bein als aus Rücken und Arm. Alles passiert im Gleichtakt mit dem Schlagmann. Und das ist gar nicht so einfach, wenn man nicht jahrelange Erfahrung mitbringt.

Noch vor der ersten Schleuse, nach sieben km Fahrt, wird getauscht. Mit so wenig Erfahrung am Steuer ist das Einfahren in die Schleuse für mich jetzt wohl nicht die richtige Position im Boot.

Nun sitze ich aufmerksam an den Rudern. Die Blätter schwimmen waagerecht auf dem Wasser, die Hände liegen an den Skulls. Nur so kann man das Boot im Stillstand stabilisieren. Ins Wasser fallen möchte hier schließlich keiner. An einer Leiter gibt der Steuermann dem Boot mit seinem Bootshaken zusätzlichen Halt. Der Pegel sinkt, die Wände werden höher, zeigen ihre grüne, schleimige und tropfende Seite. Das Wasser sinkt acht Meter. Einer ruft: „Dem Schleusenwärter als Dank ein dreifaches Hip-Hip", alle antworten: „Hurra". Dreimal hallt das Echo vom „Hurra". Die Tore öffnen sich. Eine Ampel springt auf grün. Nacheinander rufen die Steuermänner und -frauen „Auslage", die Boote gewinnen an Fahrt, verlassen der Reihe nach die bedrückende Enge Schleuse in die Freiheit des grünen Neckartals.

Wir werden in den nächsten Tagen 16 Schleusen passieren. Diese bringen uns 85 Meter tiefer, mit Schleusungen zwischen zwei und acht Metern.

Heute rudern wir insgesamt 31 km. Wechseln oft die Positionen durch. Jeder kann mal am Steuer verschnaufen. Die Sonne brennt mir einen Sonnenbrand auf Beine und Arme, trotz Sonnencreme.

Wir kommen zwar vorwärts, aber so richtig rund läuft es im Boot nicht. Als Anfänger trage ich wohl meinen Teil dazu bei. Die letzten Meter sind sehr anstrengend und erfordern trotz Hitze und schwindender Kondition volle Konzentration.

Alle sind froh, als wir am späten Nachmittag den Lauffener Ruderclub erreichen. Das Tagesziel ist geschafft. Abends gibt es im schwäbischen Biergarten „Dächle" hausgemachte Maultaschen und dazu ein kühles Radler.

Erschöpft falle ich ins Bett, heute haben wir aber nur das erste Viertel geschafft.

20. Juni 2014 „Backbord höher ran!" Wir sind schon wieder seit einigen Kilometern auf dem Neckar unterwegs. Mein Rollsitz quietscht. Der Rollsitz fährt nach vorne, wenn man in die Auslage geht und wird mit den Beinen nach hinten gedrückt, wenn man am Skull zieht und das Boot in Fahrt bringt. Kleine Rollen laufen auf einer Metallschiene. Es quietscht. „Backbord höher ran!" schallt es von vorne, meine linke Gesäßhälfte hängt etwas herab, das Becken liegt schief, das ganze Boot liegt schief. Geübte Ruderer wissen genau, wie man in dieser Situation „das Boot stellt". Ich muss erst überlegen wo Backbord ist, und wie das mit dem „höher ran" gemeint ist. Gleichzeitig läuft der Ruderrhythmus unerbittlich weiter.

Die ganze Mannschaft ist unzufrieden weil es nicht recht voran geht. Wir arbeiten eher gegen- als miteinander und das ist mehr anstrengend als befriedigend.

In der Mittagspause machen wir halt in Bad Wimpfen und haben von einer Café-Terrasse einen schönen Blick auf das Neckartal. Ich dope mich mit Eis und Cappuccino.

Nach der Pause wird bei uns in der Mannschaft unplanmäßig mit einem zweiten Boot ein Ruderer getauscht. Ich übernehme das Steuer für die restlichen 12 km der Tagesetappe. Mit dieser neuen Konstellation im Boot hat sich die durchschnittliche Erfahrung an den Skulls auf einen Schlag bestimmt um einige Jahre erhöht und dementsprechend ruhig läuft das Boot nun, und wohl für alle Reisenden auch entspannter.

Nur für mich steigt der Adrenalinpegel kurz, als der Wasserpegel bei meiner ersten Schleusung am Steuer sinkt. Aber wir kommen wohlbehalten unten an.

Heute ist das Wetter etwas kühler und angenehmer zum Rudern. Die Landschaft ist dafür nicht so schön, es sei denn man erfreut sich statt an Weinbergen wie gestern eher an Atom- oder Kohlekraftwerken oder Verladehäfen für Containerschiffe.

Der längste Rudertag dieser Tour endet nach 37 km in Haßmersheim. Ausgestiegen wird hier im Wasser, ein Steg fehlt, die Boote werden mit der Hilfe aller ans Ufer getragen, wo sie über Nacht liegen bleiben.

21. Juni 2014 Wir nehmen Fahrt auf Ich starte am Steuer für die ersten 7 km, vorbei an einer Fähre, einer neuen Brücke (etwas zu futuristisch für das „Ländle"), durch eine Schleuse. Im Boot wird wieder rotiert. Ich rudere vorbei am nächsten AKW, an Anglern und Campingplätzen.

Gemeinsam macht die Gruppe rast an einem dieser Zeltplätze. Es wird gespeist, die Frikadelle wird einigen heute auf den letzten Metern ein Sodbrennen hinterlassen. Mein Mittagessen heute ist das belegte Brötchen vom Frühstücksbuffet, dass mir mit 1,50 € berechnet wurde. Nach der Pause heißt es vom Bootsführer: „Frieder auf Schlag".

Nun muss ich also Tempo und Rhythmus vorgeben. Ich bestimme, wie schnell es voran geht. Wenn ich patze, bringt es alle hinter mir aus der Routine. Ich gebe mir alle Mühe, bündele alle Konzentration. „Ruhe auf der Rolle", schallt es diesmal von hinten. Während man beim Ziehen kraftvoll beschleunigt, ist die Gegenbewegung, das anschließende vorwärtsrollen mit einer extra Portion Ruhe zu tun. Ich glaube es klappt. Zumindest mir scheint es, als kommen wir ohne überflüssige Kraftaufwendung gegeneinander, gemeinsam gut voran. Die Etappe endet in Eberbach an. Versierte Ruderer (mich nicht eingeschlossen) wissen, dass hier die Empacher Boote gebaut werden. Wir lassen die Werft links liegen und landen rechts am hiesigen Ruderclub.

Gemeinsam sehen wir in einem Dönerladen in der Altstadt, wie Deutschland ein knappes 2:2 gegen Ghana erkämpft.

22. Juni 2014 Der Sieg der Routine Ein unglücklicher Zufall ließ das Boot „Emma" aus unserer Gruppe am ersten Tag einen Tanz mit einer Boje vollführen, bei dem ein Ausleger der Emma einen kleinen Knick im Gelenk behalten sollte. Der Platz an diesem Ausleger ist seither nicht mehr mit voller Kraft zu rudern. Zudem verlassen uns heute zwei Ruderer auf dem Weg zum Geburtstag ihrer gemeinsamen Tochter, es gibt also Spielraum noch eine dritte Konstellation bei uns im Boot auszuprobieren.

Und mit dieser Konstellation im Boot kehrt Routine ein. Scheinbar hat mein Schlagrhythmus gestern überzeugt, heute werde ich durchgehend die verbleibenden 34 km auf Schlag verbringen. Das ist anstrengend, aber befriedigend.

Einzig die Pause im Verbund der sechs Boote mag heute nicht gelingen, hat Neckarstein doch nicht genug Bootsstege um alle Boote zu beherbergen.

Es ist ein tolles Gefühl, als wir mit der FRCF Flotte gemeinsam bei bestem Wetter in Heidelberg einlaufen. Die Ufer sind gesäumt von Menschen, das Panorama ist historisch fantastisch. Ein Bootsstau vor der Heidelberger Rudergemeinschaft beim Anlegen ist eine willkommene Pause zum gucken.

Es ist geschafft, wir sind angekommen, nach 4 Tagen auf dem Wasser und 132 km zurückgelegter Strecke.

Schlussbetrachtung Für erfahrene Ruderer mag das hier klingen wie das kleine 1x1 des Ruderns. Für mich war es das bestandene Ruderdiplom, auch wenn es mir keiner überreicht.

Ein paar Gedanken bleiben hängen. Ich habe schon einige lange und weite Reisen absolviert. Kehrt man von so einer Reise zurück, so stellen sich einem oft elementare Fragen: „Was mache ich hier eigentlich?". „Sollte ich was an meinem Leben und Lebensstil ändern?". „Wird es Zeit für eine grundsätzliche Veränderung?" Auch wenn die Antwort bisher lautete: nein, so ist so ein Denkanstoß durchaus gut. Auch diese Ruderwanderfahrt brachte mir genug Abstand vom Alltag, dass meine Gedanken durcheinander gewirbelt wurden. Das tut gut!

Mein Freundeskreis ist sehr homogen. Das ist wohl auch der Grund, warum es mein Freundeskreis ist. In einem Verein ist das anders. Ich freue mich, so viele verschiedene Persönlichkeiten auf dieser Wanderfahrt besser kennengelernt zu haben. Das macht mir noch mehr Spaß zukünftig das Rudertraining zu besuchen. Und die nächste Ruderwanderfahrt ist jetzt schon gebucht. Holger, bitte meinen Platz reservieren!

Vielen Dank FRCF. Vielen Dank für eine tolle Ruderwanderfahrt! Vielen Dank für eine Tour außerhalb der Tagesroutine. Frieder